Philosophie des Thales von Milet

Thales Philosophie liegt in zwei überlieferten Sätzen zu Grunde. Im ersten Satz wird verlautet, das Wasser der Ursprung aller Dinge sei. Eine seltsame Antwort. All das, was wir als Fülle der Weltgestalten vor Augen haben, all die Berge, Sterne, und Tiere, ja wir selber und der Geist, der in uns wohnt, all das soll aus Wasser sein? Eine wunderliche Philosophie, diese Philosophie im Anfang. Aufgrund dessen muss man Thales einen ausgesprochenen Materialisten nennen, wenn er das Wasser, ein materieller Stoff, zum Urprinzip von allem macht.

Die Bedenken, man könnte Thales missverstanden haben, wird noch verstärkt, wenn man sich den zweiten Satz zu Gemüte führt. Er lautet: „Alles ist voll von Göttern!“ Ein Satz der nun ganz und gar nicht zu der materialistischen Deutung passt. Der Mensch begreift die Welt nicht richtig, wenn er meint, was er um sich herum sieht, seien bloß vorhandene Dinge; er muss einsehen: es ist das Wesen der Dinge, dass in ihnen Göttliches waltet, was so viel heißt wie: Alles um uns herum ist die Stätte der Anwesenheit von Göttern. Aber halt. Sind das nicht zwei widerspenstige Behauptungen? Entweder es besteht alles aus einem materiellen Stoff, aus Wasser, oder ist göttlichen Lebens voll. Wenn hier jedoch ein Entweder-Oder herrscht, wo liegt dann die Wahrheit? Noch in der Gegenwart geht es in den philosophischen Diskussionen entscheidend darum, ob die Welt von einem rein materiellen Prinzip her zu verstehen ist, oder ob wir annehmen sollen, die Dinge seien sichtbare Zeichen eines Tieferen, die Welt sei Ausdruck eines in ihr waltenden göttlichen Prinzips, vielleicht das Geschöpf eines schaffenden Gottes. Aber wie steht es mit Thales? Hat er unwissentlich eine in Widerspruch stehende These gelehrt? Vielleicht aber liegt das Problem nicht in seiner These, sondern an unserer Methode sie zu deuten, nämlich im naturwissenschaftlichen Sinne. Aristoteles versuchte einst diesen Satz, „Ursprung von allem ist das Wasser“, zu deuten. Er fand gleich mehrere Ansätze zu einer Interpretation. Zum einen könnte Thales den Okeanos gemeint haben, jenen Urstrom, der nach alter Sage die Erde umfließt und als Vater des Entstehens von allem gilt. Gegebenenfalls könnte Thales auch den Styx in Betracht gezogen haben. Wenn die Götter einen Schwur leisten, rufen sie den Styx an, den Totenfluß, der das Reich der Lebendigen vom Reich der Schatten trennt, der Eid aber, so Aristoteles, ist das Heiligste von allem. Nun lässt sich schon erahnen, worauf Aristoteles hinaus wollte, wenn er von Okeanos und Styx, den beiden Urströmen, sprach. Wenn Thales von Wasser redete, war keinesfalls die Materie Wasser gemeint, sondern die mythische Mächtigkeit des Ursprünglichen, die Göttlichkeit des Ursprungs.

Somit ließe sich der erste Satz mit dem vermeintlich widersprüchlichen zweiten Satz vereinen, wonach alles voller Götter ist. Das ist jedoch nicht so zu verstehen, das hier ein Stück Zeus und dort ein wenig Apollon zu finden sei; es ist vielmehr so zu verstehen, dass alles von göttlichen Kräften durchwaltet ist. Wie aber kommt Thales ausgerechnet auf Wasser? Dies ist ganz einfach zu erklären: Alles Lebendige kommt deshalb ins Leben, da es von Wasser getränkt wird. Wie jenes in den Dingen die Lebendigkeit schafft, so steht es auch mit dem göttlichen Urgrund: Er belebt alles, indem er alles durchdringt. So will der Satz des Thales, alles sei aus Wasser entsprungen, besagen: In allem Wirklichen waltet ein göttlich Wirksames, von ursprünglicher Mächtigkeit wie die Urströme des Mythos und alles durchdringend wie das lebenerhaltende Wasser.

(Informationen entnommen aus: Wilhelm Weischedel; "Die philosophische Hintertreppe"; S.14-16)


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