Aquins Philosophie

„Es ist eine christliche Philosophie entstanden, erwachsen aus der Berührung des griechischen Geistes mit der christlichen Grunderfahrung. [...] Diese christliche Philosophie beruht auf einer Synthese der natürlichen Vernunft und des Glaubens, aber so, dass die Vernunft sich dem Glauben unterordnet, um dann freilich, eben in dessen Dienst, sich voll entfalten zu können.“ (Wilhelm Weischedel; „Die Philosophische Hintertreppe“; S. 92)

Thomas von Aquin versuchte, den mehr als tausend Jahre lang gelebten und erprobten Glauben mit einer seit mehr als anderthalb Jahrtausenden andauernden philosophischen Bemühungen zu verschmelzen.


Synthese von Vernunft und Glauben:

Thomas gelingt die Vereinigung des Glaubens und der Vernunft durch den Gedanken, dass beide, Vernunft und Glauben, von Gott stammen. Dieser hat einerseits den Glauben als auch die natürliche Vernunft erschaffen, womit sie in einer Wurzel, in Gott, überein kommen. Darum können sie nicht in Widerstreit zueinander stehen. Der Glaube ist widervernünftig; die Vernunft ihrerseits kann, wenn sie sich recht versteht, nichts lehren, was dem Glauben widerspricht. Natürlich kommt dem Glauben ein Vorrang zu, da Thomas schließlich ein christlicher Philosoph war. Die Wahrheit des Glaubens ist vollkommender als die Wahrheit der natürlichen Vernunft.

Stufenförmiger Aufbau der Gedanken Gottes mit der Welt:

Als Philosoph fragt Thomas nach dem Wesen der Dinge und ist nicht darum bemüht, Kenntnisse über die Mannigfaltigkeit der einzelnen zu erlangen. Er versucht, wie vor ihm Aristoteles, sich den Dingen zu nähern, in dem er zwischen Stoff und Form unterscheidet. Thomas sieht in der Form das Wesen aller Dinge, den Stoff lässt er hierbei fast völlig außer acht. Die Formen sind vielmehr für ihn, ganz im Sinne des Aristoteles, insofern das Wesen der Dinge, als sie sich in diesen lebendig entwickeln. Die Formen oder Wesenheit existieren ursprünglich als Idee im Geiste Gottes, gleichsam als Vorentwurf der Schöpfung. Im Nachdenken der Gedanken Gottes mit der Welt nun stellt sich diese für Thomas als ein Ganzes von stufenförmigen Aufbau dar. Jeder Wirklichkeitsbereich steht um so höher, je mehr in ihm die Form über den Stoff erhaben ist. Daher stellen die toten Dinge die niedrigste Seinstufe dar; hier wird die Form dem Stoff bloß von außen her aufgedrückt. Höher steht die Pflanze; sie hat ihre Form in sich selber, als ihre vegetative Seele. Darüber erhebt sich das Tier, dessen Seele nicht nur ein vegetatives, sondern auch ein sensitives Vermögen, die Wahrnehmung, besitzt. Doch auch das Tier stellt noch eine verhältnismäßig niedrige Seinstufe dar; denn seine Seele geht mit dem Leib zugrunde. Anders steht es mit dem Menschen. Er hat zwar auch, wie Tier und Pflanze, in seiner Seele ein vegetatives und sensitives Vermögen, aber ihn zeichnet vor jenen aus, dass seine Seele im Grunde geistig und somit unsterblich ist. In diesem Leben ist die Seele des Menschen freilich, auch in ihrem geistigen Teil, mit dem Leib verbunden. Daher stehen noch höher als der Mensch die reinen körperlosen Geister: die Engel. Indes auch diese sind noch unvollkommen; sie sind zwar reine Geister, aber doch geschaffene Geister. Darum erhebt sich über allem der reine ungeschaffene Geist: Gott. Das ist das Bild der Wirklichkeit, wie es Thomas entwirft, gleich bestechend durch seine Einheitlichkeit wie durch die in ihm umgriffene Fülle. Alles strebt zur Form, weg vom ungeformten Stoff. Wichtig ist dabei, dass dieser Vorgang mit Hilfe der Begriffe Möglichkeit und Wirklichkeit gedeutet wird. Der Stoff ist bloße Möglichkeit, geformt zu werden. Je mehr Form etwas enthält, um so wirklicher wird es. Im Ganzen der Welt findet so ein unablässiges Streben von der Möglichkeit zur Wirklichkeit statt. Dieser Gedanke, dass die Wirklichkeit nicht im Stoff, sondern in der Form besteht, verbindet das antike mit dem mittelalterlichen Denken und setzt beide gegen die neuzeitliche Sicht ab.

Gottesbeweis:

Wenn die ganze Welt einem Streben unterliegt, von der Möglichkeit die Wirklichkeit und somit die Vollendung zu erreichen, dann muss das zuhöchst Erstrebte die reine Wirklichkeit, ohne alle Möglichkeit, sein. Das jedoch ist Gott. Dies ist eine weitere Wesensbestimmung Gottes. Wenn Gott die reine Wirklichkeit ist und somit als reine Form verstanden werden kann, ohne alle Möglichkeit oder Stoff, so muss er als reiner Geist begriffen werden. Mit diesem Gedanken folgt Thomas dem Aristoteles. Die endliche Welt kann ihren Grund nicht in sich selber haben, sondern muss auf Gott als ihren Urheber zurückverweisen. Alles was existiert, muss eine Ursache dafür haben, dass es existiert. Diese Ursache muss wiederum von einer höheren Ursache abhängen. Man kann jedoch, wie Thomas behauptet, in der Kette der Verursachungen nicht ins Unendliche zurückgehen. Also muss es eine erste Ursache geben und diese ist Gott. Eine vollständigere Erkenntnis Gottes kann nur der Glaube erlangen. Aber auch er ist noch keine vollkommene Einsicht. Erst im Jenseits wird der Mensch Gott so schauen, wie er ist.


(Textpassagen entnommen aus: Wilhelm Weischedel; „Die Philosophische Hintertreppe“; S.94 | S.96 | S.97 | S.98)


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